Nachdem ich erfolgreich meinen ersten kleinen Ultra beim Steinhart666 über 55 km gefinshed hatte, wollte ich nun die Distanz noch ein wenig steigern. Ich stellte mich zum ersten Mal der Herausforderung eines 6-h Laufes. Wie passend, dass von Christian Pfügler und seinem fleißigem Team der 6h-Lauf Münster angeboten wird. Ein Lauf eines Ultraläufers für Ultraläufer. Hier fehlte es an absolut gar nichts. Alles war bestens organisiert und trotz der mittlerweile knapp 300 Läufer kam die familiäre Atmosphäre nicht zu kurz. Familiär war auch das kostenlose Frühstück vor dem Lauf und die kräftige Gulaschsuppe aus der Kasernenküche nach dem Lauf. Solch ein Angebot kannte ich von anderen Läufern bisher noch nicht.

Der 6h-Lauf fand in der Lützow-Kasene in Handorf statt. Da die Kaserne noch aktiv ist, müssten alle Läufer beim Eintritt in die Kaserne den Personalausweis vorlegen. Zuschauer wurden nur eingelassen, wenn sie vorher auf der Besucherliste eingetragen waren. Dieses besondere Ambiente machte den Lauf schon vor dem Start zu etwas ganz besonderem.

In der Kaserne liefen wir auf einer Runde von 2505 Metern. Zum größten Teil verlief die Runde auf breiten Asphaltstraßen, wo man ohne Probleme überholen konnte. An einigen Stellen war es ein wenig enger und der Weg führte auf Holzschnitzeln an dem Kasernenzaun entlang. Nach jeder Runde lief man durch das Verpflegungszelt. Auch hier gab es alles möglich, was das Läuferherz in 6h glücklich stimmt (dazu später mehr).

Um kurz nach 10 Uhr ging es dann endlich los. Ich hatte mir vorgenommen 70 km zu laufen. Das entspricht in etwa einer Durchschnittspace von 5 Minuten pro Kilometer, wenn man die Verpflegungspausen von den 6h abzieht. Das Tempo ist in etwa mein Wohlfühltempo und ich hatte mir beim Steinhart schon bewiesen, dass ich es (bzw. ein bisschen schneller) über 55 km laufen kann. Da ich keine Lust auf Rechenspiele während des Laufens hatte, hatte ich mir am Vorabend auf einem kleinen Spicker dir Rundenanzahlen geschrieben, die ich nach den einzelnen Stunden absolvieren wollte, um das Ziel von 70 km (=28 Runden) zu erreichen. In der ersten Runde wunderte ich mich, über das hohe Anfangstempo, das gleich einige Läufer zu Beginn liefen, aber ich brachte mich dadurch nicht aus der Ruhe und lief mein Wohlfühltempo. Das war allerdings von Anfang ein wenig höher als ich eigentlich wollte, aber da es so gut lief, drosselte ich nicht das Tempo.

Die ersten Runden liefen zur Eingewöhnung sehr gut. Ich fand einen Läufer, der in etwa mein Tempo lief und wir konnten uns dabei noch ganz gut unterhalten und so die Zeit verkürzen. Er berichtete mir von seinem nächsten großen Abenteuer: dem doppelten Ironman in Emsdetten (12-14. Juni 2015, www.doubleultratriathlon.de). Es ist doch immer wieder schön, wenn man sich mit Leuten unterhalten kann, die ähnlich „ticken“ und noch größere Ziele haben. Nach einigen gemeinsamen Runden liefen wir dann aber später jeder unser eigenes Tempo und fortan lief ich alleine. Ganz alleine war ich natürlich nicht. Das schöne an den kleinen Runden war, das man permanet Läufer sieht. Mal überholt man Läufer und mal wird man überholt. So freut man sich, wenn man dann alle paar Runden die gleichen Läufer trifft.

Auch von den teilnehmenden Läufer hatte der Lauf einige Kuriositäten zu bieten: z.B. die laufenden Kameras Frank Pachura (www.laufen-in-dortmund.de, zum Video) und Eddy (zum Video), der als Wikinger verkleidete Läufer, die beiden Barfußläufer und natürlich nicht zu vergessen, die Cabanuten. Sie liefen mit einem Hotdog-Wagen auf der Strecke und verkauften für den guten Zweck Hot-Dogs an die Läufer, Zuschauer und Helfer. Mit dem Wagen liefen sie dabei einen kompletten Marathon. Da passt wieder der Spruch: „Wenn du denkst, verrückter geht’s nicht mehr, kommt von irgendwo ein Läufer her.“

Auch wenn es zahlreiche Ablenkungen auf der Strecke gab, wurde ich doch immer wieder an das erinnert, was ich vor hatte: ein 6h-Lauf. Christian und seine Helfer hatten es sich nicht nehmen lassen, auf dem Asphalt neben den Pfeilen „6h“ zu schreiben und außerdem gab es noch einige 6h-Schilder und natürlich immer wieder die Uhr mit der Restzeit, an der ich Runde für Runde (in den ersten Stunden mit viel Skepsis) vorbeilief.

Bis zur Marathondistanz (17 Runden) war der Lauf eigentlich ein Lauf wie jeder andere. Ich lief mein Marathonwohlfühltempo und lief im vorbeigehen meinen 15. Marathon in 3:27. Zur Belohnung unterbrach ich kurz mein Süßigkeiten Fasten und gönnte mir ein Stück Schokolade. Dass es neben Schokolade auch Erdnüsse, Chips, Weingummi und kleine Salami-Würstchen gab, zeichnet einmal mehr diesen Lauf aus. Jede Runde gab es eine neue Überraschung. Besonders ökologisch waren natürlich auch die persönlichen Becher im Verpflegungsbereich.

Ich befürchtete im Vorfeld, dass nach der Marathondistanz irgendwann das große Loch kommen müsste, aber das blieb Gott sei Dank aus. Ich konnte weiter mein Tempo halten und ich bekam nach ca. 4 Stunden einen zusätzlichen Motivationsschub, als ein Freund mich an der Strecke unterstützte. Ich hatte ihn erst eine Stunde später erwartet. Kurioserweise machte ich mir nun nicht Sorgen, dass mir langweilig wird, sondern eher er, dass ihm langweilig wird. Allerdings ist man sicherlich auch nicht jeden Tag Zuschauer eines 6h-Laufes in einer Kaserne. Er kam jedoch genau zu richtigen Zeit, weil es von nun an leicht regnete und kälter wurde. Doch auch davon ließ ich mich nicht abhalten. Ich dachte einfach an die schönen sonnigen Tage eine Woche zuvor im Trainingslager auf Mallorca.

Nach 5 Stunden gab es dann noch zusätzlichen Support von meinen Eltern. Aufhören konnte ich jetzt also sowieso nicht mehr. Die letzten Runden liefen dann auch noch so gut, dass ich das Tempo wieder ein wenig anziehen konnte. Vor der letzten Runde schnappte ich mir dann im Start-/Zielbereich das Säckchen mit meiner Nummer zur Restmetervermessung und ging mit viel Wehmut auf die letzte Runde. Nach 6 Stunden ertönte dann die Sirene und wir Läufer blieben stehen und ließen die Säckchen mit den Nummern fallen. Nach 6 Stunden konnte ich mein persönlich gestecktes Ziel übertrumpfen. Ich lief (laut noch inoffizieller Ergebnisliste) 74 Kilometer und landete damit auf den vierten Gesamtplatz.

Nun musste ich noch zum Zielbereich zurücklaufen.Wie auf Knopfdruck wurden die Beine jedoch immer schwerer, was mich schließlich dazu veranlasste rückwärts zum Ziel zu laufen. Ich wusste doch, dass Rückwärtslaufen irgendwann mal für etwas gut ist. Rückwärts lief es sich nämlich gleich viel leichter und so konnte ich noch einmal auf einen wunderbaren 6-h Lauf zurückblicken.

Ein riesen großes Dankeschön gilt natürlich Christian, seinem ganzen Helferteam und allen anderen Läufern, die für dieses besondere Ambiente gesorgt haben. Zusätzlich möchte ich mich bei Wolfgang Steeg (www.catfun-foto.de) für das Bereitstellen der Fotos für diesen Beitrag bedanken.

Nachfolgend gibt es für die interessierten Leser noch einige Zahlen zu meinem Lauf und Berichte von anderen Läufer und einen kleinen Pressespiegel.

 

Strecke und Pace:

Pace in Bewegung (Runde): 4:41 (1), 4:44 (2), 4:47 (3), 4:47 (4), 4:50 (5), 4:57 (6), 4:50 (7), 5:00 (8), 4:54 (9), 4:53 (10), 4:50 (11), 4:54 (12), 4:51 (13), 4:48 (14), 4:51 (15), 4:49 (16), 4:47 (17), 4:47 (18), 4:46 (19), 4:54 (20), 4:47 (21), 4:49 (22), 4:51 (23), 5:05 (24), 5:02 (25), 4:47 (26), 4:53 (27), 4:46 (28), 4:40 (29), 4:47 (..),
Gesamt: Ø Pace 4:50

Presse:
Sechs Stunden auf Kilometerjagd in Handorf (Vorbericht der MZ, 12.03.15)
6 Stunden für den guten Zweck (Bericht auf runnersworld.de, 14.03.15)
6-Stunden-Lauf Münster – Primus in Europa, Nummer drei weltweit (Bericht auf laufreport.de, 14.03.15)
Sechs-Stunden-Lauf in Handorf – Keine gewöhnlichen Sportler (Bericht in der WN, 17.03.15)

Fotos:
catfun-foto.de

Videos:
LaufenInDortmund: 6-h-Lauf Münster 2015

Eddy: 6h-Lauf-Münster-2015