Es sind diese ganz besonderen Momente bei den Läufen, die der Grund dafür sind, warum ich mir die Quälerei an tue. Auf dem ersten Bild im Album habe ich versucht einen dieser Momente einzufangen. Meinen anschließenden Muskelkater zu beurteilen, war  der 12. Allgäu Panorama Ultratrail mit 69,5 km und 3200 Höhenmetern für mich der bisher härteste Lauf. Noch Tage danach schmerzen nicht nur die Beine, sondern auch die Arme vom Abstützen beim Berg hochlaufen. Nach dem Start morgens um 6 Uhr in Sonthofen, erklommen wir mit der aufgehenden Sonne gemeinsam mit ca. 250 Läufern den ersten Berg, den Weiherkopf. Da Jenny den Lauf schon zweimal gelaufen ist, hatte ich eine Expertin dabei. Früh gingen wir die Anstiege hoch, anstatt sie zu joggen, was zwar ein wenig schneller gewesen wäre, aber auf lange Sicht zu viel Kraft gekostet hätte. Diese Taktik machte sich am Ende bezahlt, da wir viele Läufer wieder überholen konnten. Es folgte der erste Downhillpart und der erste Härtetest für meine neuen Ortegra 2 von 361°. Die Schuhe hatte ich erst vorher 5 km eingelaufen, aber ich hatte keine Probleme. Ich rutschte nicht weg und fühlte mich sicher in den Schuhen.

In Grasgrehen erreichten wir schließlich den ersten großen Verpflegungspunkt. Schnell wurde mir klar, dass alle Läufer, die mir vom Allgäu Panorama Marathon berichteten, nicht übertrieben hatten. Wir wurden von freundlichen Helfern in Empfang genommen und konnten uns mit allem was das Ultra-Herz wünscht, eindecken.

Ungefähr bei km 30 erreichten wir nach ca. 4h Laufzeit die Grenze zu Österreich. Schon da merkte ich, dass es heute kein einfacher Lauf werden wird. Die Beine fingen an schwer zu werden. Lange Vorwärtsläufe war ich nicht mehr gewohnt, so viele Höhenmeter schon gar nicht. In diesem Jahr hatte ich nur zwei Vorwärtsläufe über 30 km gemacht. Alle anderen langen Läufe bin ich rückwärts gelaufen.

Wichtiger bei einem Ultralauf ist aber sowieso der Kopf und der wurde im Vorfeld genügend trainiert. Aufgeben hätte ich sowieso nicht können, denn Jenny motivierte mich mit jedem Schritt. Träge und müde Beine kann ich ganz gut ausblenden und so liefen wir weiter und erreichten nach ca. 40 km den nächsten Gipfel beim Söllereck. Von dort ging es 10 km ins Tal bis nach Oberstdorf. Der erste Teil des Abstieges verlief über Serpentinen und schönen kleinen Trails. Man könnte denken, dass mir das Bergablaufen sicherlich Freude bereitet hat, weil man ja einfach die Beine laufen lassen kann. Das Gegenteil war der Fall. Die Beine waren schon zu beansprucht worden, dass ich bei jedem Schritt bergrunter meine Oberschenkel merkte. Ich freute mich über jedes kleine Stück bergauf.

Der Verpflegungspunkt in Oberstdorf war ein weiteres Highlight. Wir durften auf dem heiligen Rasen des Skisprungstadions in Oberstdorf eine kleine Runde drehen und uns anschließend für den letzten knackigen Anstieg zum „Sonnenkopf“ stärken.

Axel Reusch, der Veranstalter des APM sagte bei der Wettkampfbesprechung, dass der Sonnenkopf bevor es den Allgäu Panorama Marathon gab, ein ganz normaler und unbedeutender Gipfel war. Mit dem APM ist er zu einem Kultgipfel geworden. Mit 50 km in den Beinen und knapp 2000 Höhenmetern galt es noch einmal gut 900 Höhenmeter in 10 km zu bewältigen und dabei den höchsten Punkt der Strecke (1704 Hm) zu erreichen. Aus Erzählungen wusste ich, dass sich bei diesem Anstieg schon so einige gefragt hatten, warum sie sich diese Strapazen antaten und kurz davor waren ihre Laufschuhe wegzuschmeißen. Ich stellte mir diese Frage nicht, auch wenn sie berechtigt gewesen wäre. Mit der Anmeldung wusste ich, dass es für mich als Flachländler nicht einfach wird. Schließlich heißen in Münster die Anstiege nicht Berge, sondern Autobahnbrücken.  So quälte ich mich also mit den Anfeuerungsrufen von Jenny den Sonnenkopf hoch. Oben wurden wir von den Helfern frenetisch empfangen, als wenn wir schon im Ziel gewesen wären. Mit dieser kleinen Motivationsspritze ging es dann wieder 10 km bergab bis nach Sonthofen. Die letzten Kilometer ziehen sich bei einem Ultra immer, aber dieses Mal war es für mich noch extremer. Ich konnte einfach  nicht mehr herunterlaufen. Jeder Schritt schmerzte, weil ich diese Belastungen zu wenig trainiert hatte. Besonders weh taten die Abschnitte über Steine und Rasen. Zeitweise versuchte ich schnell den Berg hinabzugehen, anstatt zu joggen, weil dabei die Aufprallkräfte auf die beanspruchte Muskulatur weniger war. Jenny war hingegen noch fit und zog mich den Berg hinunter. Als wir dann aber irgendwann noch von einer Handvoll Läufer überholt wurden, sagte ich irgendwann zu ihr, dass sie alleine weiter laufen sollte. Sie hatte noch genügend Power in den Beinen, um die Gruppe wieder einzuholen. So hatte ich auf den letzten 5 km noch ein optimales Mentaltraining für mich. Immer wieder erwischte ich mich dabei, wieder zu gehen, anstatt zu joggen, aber mir fehlte die Kraft in den Beinen. Schließlich erreichte ich dann nach 9:43 Stunden das Ziel in Sonthofen und freute mich wieder ein kleines Stück mental gewachsen zu sein und eine neue Herausforderung beendet zu haben. Mit meiner Zeit kam ich von 249 Finisher/innen auf den 99. Gesamtplatz und den 16. Platz in der M30. Jenny benötigte 9:37 Stunden und finishte damit zum 3. Mal hintereinander diesen Lauf. Ich habe jetzt am eigenen Leib gemerkt, was dieser Lauf bedeutet und mein Respekt für Ihre Leistung ist noch einmal gestiegen. Ohne mich wäre sie sicherlich noch ein wenig schneller gewesen. Sie erreichte mit Ihrer Zeit den 93. Gesamtplatz und den 1. Platz in der W30.

Der Sieger Stefan Lämmle benötigte übrigens 6:36 Stunden und die Siegerin Katharina Hartmuth 07:15 Stunden. Hut ab für diese Leistung.

Jetzt werden wir erst einmal wieder rückwärts trainieren, denn am 07.-08.09.18 steht der Rekener 24h-Spendenlauf an und dann zählt jeder Kilometer rückwärts, denn Ha-Ra spendet wieder 50 Euro für jeden von Jenny und mir rückwärts gelaufenen Kilometer.