Urlaubszeit = Reisezeit. Mal eben zum Strand fahren. Das kann man mit dem Auto machen oder mit dem Fahrrad. Ich habe mich für die zweite Variante entschieden. Morgen starte ich in ein neues Abenteuer. Mit dem Rennrad fahre ich von Münster​ mit einem Zwischenstopp am Genfersee​ bis zum Strand nach Nizza​. Es warten ca. 1500 km mit 30.000 Höhenmeter auf mich.
Sicherlich stellt ihr euch jetzt einige Fragen! Hier habe ich die Antworten für euch:

Warum machst du das?
2011 bin ich durch mein Sportstudium an der WWU Münster – Münster University​ zum Rennradfahren gekommen. Ich habe an der Exkursion „Transalp – Mit dem Rennrad über die Alpen“ teilgenommen. Die Alpenüberquerung vom Genfer See bis nach Nizza war damals für mich eine große Herausforderung. In diesem Jahr darf ich die Exkursion zusammen mit Dr. Marcel Reinold als Dozent leiten und den Studierenden die Freude und die Faszination an solchen Vorhaben vermitteln. In der Vorbereitung kam dann die Idee auf, dass ich doch schon mit dem Rad bis zum Genfer See fahren könnte. Ich wollte schon immer mal eine Mehrtagestour alleine machen und da kam die Gelegenheit genau richtig.

Wie sieht deine genaue Route aus?
Diese Route (zur Karte) habe ich geplant:
Di., 08.08 Münster – Köln: 176 km
Mi., 09.08 Köln – Brücken: 276 km
Do., 10.08 Brücken – Colmar: 215 km (über die Vogesen)
Fr., 11.08 Colmar – Pontarlier: 205 km
Sa., 12.08 Pontarlier – Thonon les Bains: 150 km
So., 13.08.17 Thonon les Bains – Genf: 87 km
Mo., 14.08 Genf – Cluses: 86 km
Di., 15.08 Cluses – Albertville (Col de la Colombiére (1613), Col des Aravis (1487)): 80 km
Mi., 16.08 Albertville – Saint-Jean-de-Maurienne (Col de la Madeleine (1993)): 79 km
Do, 17.08 Saint-Jean-de-Maurienne – Briancon (Col du Télégraphe (1566), Col du Galibier (2642)): 88 km
Fr., 18.08 Briancon: Ruhetag 😉
Sa., 19.08 Briancon – Jausiers (Col d’Izoard (2360), Col de Vars (2110)): 96 km
So., 20.08 Jausiers – Nizza (Col de La Bonette (2802)): 148 km
Mo., 21.08 Nizza: Ruhetag 😉
Di., 22.08 Rückreise mit dem Auto 😉

Wo übernachtest du?
In Köln und Brücken schlafe ich bei Freunden. In Colmar, Pontarlier und in Thonon-les-Bains schlafe ich in Apartments, die ich über AirBnb gebucht habe.

Welches Gepäck hast du dabei?
Ich habe einen kleinen Rucksack, in dem ich das notwendigste verstaut habe: Regentrikot, Regenarmlinge, Unterhemd, Knielinge, Hygieneartikel, Technikzubehör, Muttis selbstgemachten Müsliriegel und für abends Hose, T-Shirt, Schuhe und Jacke.

Wie findest du die Strecke?
Ich nutze ein Fahrradnavi von Teasi​.

Falls ihr noch mehr Fragen habt, postet sie einfach in den Kommentaren.
Ich versuche jeden Abend ein paar Eindrücke und Bilder von meiner Tour auf meiner Facebookseite zu posten. Schaut doch einfach regelmäßig vorbei …

Reiseberichte

Während der Fahrt habe ich kleine Bericht auf Facebook gepostet. Alle Berichte habe ich euch hier noch einmal aufgelistet:

 Etappe Video Strava  Kilometer Zeit Höhenmeter
Di., 08.08 Münster – Köln Streckenvideo Strava-Akivität 180,8 06:56 1541
Mi., 09.08 Köln – Brücken Streckenvideo Strava-Akivität 273,2 10:35 1840
Do., 10.08 Brücken – Colma Streckenvideo Strava-Akivität 215,7 09:22 2603
Fr., 11.08 Colmar – Pontarlier Streckenvideo Strava-Akivität 224,86 08:27 1561
Sa., 12.08 Pontarlier – Thonon les Bains Streckenvideo Strava-Akivität 174,3 07:33 1477
So., 13.08.17 Thonon les Bains – Genf (Extraetappe) Streckenvideo Strava-Akivität 88,7 03:57 1605
Mo., 14.08 Genf – Cluses Streckenvideo Strava-Akivität 75,7 03:58 1304
Di., 15.08 Cluses – Albertville (Col de la Colombiére (1613), Col des Aravis (1487)) Streckenvideo Strava-Akivität 79,8 04:04 1740
Mi., 16.08 Albertville – Saint-Jean-de-Maurienne (Col de la Madeleine (1993)) Streckenvideo Strava-Akivität 80,4 04:58 1955
Do, 17.08 Saint-Jean-de-Maurienne – Briancon (Col du Télégraphe (1566), Col du Galibier (2642)) Strava-Akivität 87,2 05:35 2350
Fr., 18.08 Briancon: Ruhetag = Wandertag  Streckenvideo Strava-Akivität  18  04:36 993
Sa., 19.08 Briancon – Jausiers (Col d’Izoard (2360), Col de Vars (2110)) Streckenvideo Strava-Akivität 107,6 04:50 2567
So., 20.08 Jausiers – Nizza (Col de La Bonette (2802)) Streckenvideo Strava-Akivität 149,28 06:56 1742
Mo., 21.08 Nizza – Nizza (Extraetappe) Streckenvideo Strava-Akivität 101,51 04:14 1572
Gesamt: 1839,05 85 h 26 min 23857

Etappe 1: Di., 08.08 Münster – Köln
Die erste Etappe von Münster nach Köln ist geschafft. Es war windig und regnerisch. Ich bin die Strecke schonmal gefahren, aber hatte ganz vergessen wie schlecht sie sich fahren lässt. Da lernt man die super ausgebauten Radwege in Münster und Umgebung nochmal zu schätzen. U.a. ging es durch Dortmund und Wuppertal. Das bedeutete schlechte Straßenverhältnisse, viele rote Ampeln und unzählige Autos. Es kann nur besser werden.

Etappe 2: Mi., 09.08 Köln – Brücken
Für diese Etappe hat sich der Trip doch schonmal mehr als gelohnt. Alles, über das was ich gestern schimpfen musste, war heute super. Bestes Wetter, super Radwege und kaum Ampeln. Zunächst war über fast 150 km bis Bingen der Rhein mein stiller und treuer Begleiter. Den gut ausgebauten Radwegen am Rhein folgten ebenso gute Radwege, die sich durch die Weinberge schlängelten. Auch wenn es jetzt bergiger wurde, genoss ich die Schönheit der Natur und die Stille.
Als ich mir zwischendurch ein Eis gönnte, sprach mich ein Radfahrer an, der bei der Jungenfernfahrt mit seinem Rad einen Platten hatte. Ich half ihm mit einem Schlauch aus und wechselte ihn auch gleich, weil er keinerlei Ahnung davon hatte. Jetzt habe ich nur noch zwei, ich hoffe, dass ich die Hilfsbereitschaft später nicht bereue;-)
Das heutige Etappenziel Brücken erreichte ich schließlich nach 270 km völlig erschöpft. Gut, dass die nächsten Etappen wieder kürzer werden (nur 215 km morgen;-))

Etappe 3: Do., 10.08 Brücken – Colma
Floss das Wasser gestern mit mir den Rhein entlang, kam es heute umso mehr von oben. Einen Wellnessurlaub hatte ich ja sowieso nicht gebucht. Von den heutigen 215 km hat es 170 km geregnet. Zuvor bin ich noch nie so lange im Regen gefahren. Wie motiviert man sich in so einem Fall? Ganz einfach: einen Ausweg gibt es nicht. Außerdem sagte der Wetterbericht in Colmar ab 14 Uhr keinen Regen voraus. Daran klammerte ich mich fest und feierte jede noch so kleine helle Stelle am sonst tristen und zugenebeltem Himmel. Irgendwie müssen die Kilometer ja abgespult werden, denn die Unterkunft in Colmar war fest gebucht. Den ersten platten Reifen gab es nach ca. 20 km: ziemlich nervig im Regen. Nach ca. 35 Kilometern erreichte ich die Grenze zu Frankreich und fuhr durch die nördlichen Vogesen und erklomm im zweiten Drittel den ersten Col. Es war allerdings nur ein kleiner (662 Hm). Morgens entwickel ich so langsam eine Routine: aufstehen um 06.00 Uhr, möglichst viel frühstücken, Sachen zusammen packen, um um 07.30 Uhr auf dem Rad zu sein. Das gleiche Spiel geht morgen wieder los, deswegen geh ich mal lieber pennen. Morgen steht die letzte Tour über 200 km an (leider wieder im Regen, aber das kenn ich ja jetzt).

Etappe 4: Fr., 11.08 Colmar – Pontarlier
Beginnen wir doch mal mit dem Ende des Tages: Ich hatte gerade mein Rad in der Waschstraße gewaschen und machte mich auf zu den letzten 15 km. Es fängt an zu regnen und ich werde nochmal richtig nass. Zur Unterkunft geht es berghoch. Als ich das Haus mit Seeblick endlich erreiche (Foto folgt morgen), werde ich liebevoll von Roland empfangen. Im Haus ist es mollig warm, denn der Kamin ist an. Schnell dusche ich. Im Anschluss esse ich gemeinsam mit der netten Familie zu Abend und genieße 2-3 Gläser Rotwein, die mir nach 900 km in 4 Tagen schnell zu Kopf steigen  In einem Misch aus Deutsch und Französisch unterhalten wir uns sehr gut. Nach diesem netten Abend kann ich nur sagen, dass es die richtige Entscheidung war die Route über Frankreich zu wählen. Besser wie heute konnte ich nicht Land und Leute kennenlernen. Morgen erreiche ich dann schon das Zwischenziel, den Genfer See.

Etappe 5: Sa., 12.08 Pontarlier – Thonon les Bains (am Genfer See)
Auch sowas gehört zu einer Reise dazu. Nach 30 km platzt es auf der ersten Abfahrt plötzlich und der Reifen wird platt. Ich wechsel den Schlauch und kurze Zeit später ist der Reifen wieder platt. Ich untersuche den Mantel und merke, dass er an der Seite aufgerissen ist. Was macht man im Nirgends in so einer Notlage? Einen zweiten Mantel habe ich nicht dabei. Ich behelfe mich Macgyver mäßig mit einem Tapeband. Ich wusste beim Packen, dass ich es noch irgendwo für gebrauchen kann;-) Langsam rolle ich den Berg runter. Im Dorf angekommen, frage ich nach einem Radladen. Der sei 12 km entfernt, sagt mir ein Junge. Es waren zwar eher das doppelte, aber egal. Im Radladen finde ich den erlösenden Mantel und kann endlich wieder weiterollen.
Als ich von der Abfahrt vom Col de La Faucille zum ersten Mal den Genfer See erblicke, bekomme ich wieder eine Gänsehaut. Diesmal aber nicht vor Kälte, sonder vor Freude. Meinen ambitionierten Plan in 5 Tagen von Münster zum Genfer See zu radeln, konnte ich erfolgreich umsetzen. In der Summe stehen 1053 km in 42:55 h Fahrzeit bei 12.010 Höhenmeter auf dem Konto. Ich bin sprachlos und lasse deswegen die Bilder im Video sprechen. Ansonsten habe ich euch ja schon in den heutigen Beiträgen an meinen Hoch und Tiefs am heutigen Tag teilhaben lassen. Ab Montag geht es mit den Studierenden weiter in die Alpen Richtung Nizza. Freue mich auf die Pässe..

Etappe 6: So., 13.08.17 Thonon les Bains – Genf (Extraetappe)
Eigentlich war ich ja schon gestern in Genf. Da ich den einkalkulierten Puffertag aber nicht gebraucht habe, weil alles super lief, konnte ich heut noch eine kleine Extrarunde drehen und einen Teil der Strecke von morgen erkundschaften. Nach 5 Tagen und vielen einsamen Stunden auf den Rad muss ich mich jetzt erstmal wieder an die große Gruppe um mich gewöhnen

Etappe 7: Mo., 14.08 Genf – Cluses
Da ich nicht so oft einen so großen See direkt beim Aufstehen vor der Tür habe, klingelte der Wecker um 6 Uhr zum Frühschwimmen im Genfer See. Anschließend ging es mit den Uniexkursion los. Nach dem sich die Aufregung bei den Studierenden zu Beginn gelegt hatte, gingen wir heute die ersten zwei Cols an. Die Gesamtstrecke betrug heute 75 km bei ca. 1500 m Gesamtaufstieg.

Etappe 8: Di., 15.08 Cluses – Albertville (Col de la Colombiére (1613), Col des Aravis (1487))
Die Franzosen würden nun sagen: Chapeau. Die zweite Etappe von Cluses nach Albertville haben wir alle gut überstanden. Zunächst trampelten wir über eine Aufstiegslänge von 17 km auf den 1616 m hohen Col de la Colombiére. Die letzten beiden Kilometer mit einer Durchschnittssteigung von 10 bzw. 11 % verlangten noch einmal alles von uns ab. Oben warteten aber schon die Küchenfeen mit frischem Wasser, neuen Müsliriegeln, Erdnüssen, Salzstangen und Bananen. Nach der Abfahrt, auf der wir uns schon langsam sicherer fühlen, ging es dann auf den zweiten Berg des Tages. Nach 10 km bergauf erreichten wir den Col des Aravis. Auf 1487 Höhe hatten wir bei bestem Wetter einen super Blick auf den Mont Blanc.
Anschließend ging es zu unserem nächsten Campingplatz in Albertville.

Etappe 9: Mi., 16.08 Albertville – Saint-Jean-de-Maurienne (Col de la Madeleine (1993))
Heute haben wir unser Bergfest gefeiert. 3 von 6 Etappen haben wir hinter uns gebracht. Wir kletterten den Col de la Madeleine hoch und stiegen auf 1993 m Höhe auf. Dafür mussten wir 26 km am Stück berghoch fahren und eine mittlere Steigung von 6,5 % bewältigen. Oben erwartete uns wieder bei bestem Wetter ein traumhafter Blick auf die umliegenden Berge. Wir beendeten die Fahrt in Saint-Jean-de-Mauriene, wo wir morgen mit einem traumhaften Blick auf die Berge aufwachen werden, da der Campingplatz am Hang liegt.

Etappe 10: Do, 17.08 Saint-Jean-de-Maurienne – Briancon (Col du Télégraphe (1566), Col du Galibier (2642))
Nach dem gestrigen Abendessen vor einer atemberaubenden Bergkulisse ging es heute zunächst von Saint-Jean-de-Maurienne auf den Col du Télégraphe (1566) und dann im Anschluss auf den Col du Galibier (2642). Beide Pässe waren Bestandteil der Tour de France 2017. Insgesamt fuhren wir heute ca. 88 km. Es war schön mit dazu beitragen, dass alle Teilnehmer oben am Col du Galibier angekommen sind. Die ersten Feudestränen sind vor Stolz und abfallender Abspannung geflossen. Die Stimmung ist nach wie vor bestens und das Wetter sowieso. Noch ca. 240 km bis Nizza.

Fr., 18.08 Briancon: Ruhetag = Wandertag
Während die Studierenden ihren Ruhetag genießen konnten, habe ich mich nach 10 Tagen im Sattel mal nicht aufs Rad gesetzt. Stattdessen bin ich mit einem Teil des Küchenteams 20 km wandern gegangen. Wie schön die Alpen doch außerhalb des Asphalts sind.

Etappe 11: Sa., 19.08 Briancon – Jausiers (Col d’Izoard (2360), Col de Vars (2110))
Nach dem gestrigen Ruhetag, freueten wir uns endlich wieder aufs Rad zu setzen. Heute war es eine sehr schwere Etappe. Wir fuhren 96 km von Briancon nach Jausiers. Zunächst ging es den Col d’Izoard (2360) und dann den Col de Vars (2110) hoch. Auch die Pässe wurden schon bei der Tour de France gefahren.

Etappe 12: So., 20.08 Jausiers – Nizza (Col de La Bonette (2802))
Zum Abschluss ging es auf den höchsten Punkt unserer Reise. Wir radelten den Col de la Bonette (2800 Hm) hoch. Es ist die höchste europäische asphaltierte Straße. Oben angekommen machten wir einige Erinnerungsfoto und freuten uns auf die lange Abfahrt bis nach Nizza. Es ging über 90 km abwärts bis nach Nizza auf Meereshöhe. Es war beeindruckend am Ende meiner langen Reise noch einmal die Veränderung der Vegetation und des Klimas wahrzunehmen. Am Ortsschild von Nizza wurden wir schließlich vom Küchenteam mit Sekt empfangen: Gänsehaut garantiert. Anschließend ging es dann endlich zum Strand und ich konnte ins Meer springen. Mein Ziel hatte ich damit erreicht. Das war auf jeden Fall nicht meine letzte Radreise.

Etappe 13: Mo., 21.08 Nizza – Nizza (Extraetappe)
Wenn man schon einmal da ist, muss man das Wetter und die schöne Landschaft doch auskosten. Bevor es auf die Heimreise ging, haben wir noch eine letzte Dozentenrunde gedreht und am letzten Berg, dem Col de Madone, ein kleines Ausscheidungsreise gefahren. Um es mit den Worten meines Mitdozierenden zu sagen: „2011 musste man nur kurz zucken und man konnte den Studenten Markus Jürgens abhängen. 6 Jahre später kann man so viel zucken wie man will, er bleibt immer noch dran und zieht dann an einem vorbei.“ Ein super Abschluss. Jetzt sind 14 Tage auf dem Rad leider schon wieder vorbei.

Hier einige Fotohighlights meiner Tour:
(Fotos: (c) Eva Bender und Markus Jürgens)