Einen Marathon, der quasi direkt vor meiner Tür startet, kann ich natürlich nicht auslassen. Wie schon 2014 wollte ich auch in diesem Jahr die Euphorie der Weltmeisterschaft im Rückwärtslaufen ausnutzen und den Münster Marathon komplett rückwärts laufen. Da ich allerdings nach dem Spendenlauf zum Nordkap und der WM erst einmal gut 4 Wochen wegen einer Erkältung pausieren musste, meldete ich mich erst 3 Wochen vor dem Start an. Eine vernünftige Marathonvorbereitung konnte ich also dieses Mal auch nicht machen. Meine späte Zusage hatte den Vorteil, dass ich dieses Mal nicht so sehr im Zentrum der Vorberichterstattung stand. Das war mir gerade recht, denn es gibt noch viele andere Läufer, die es genauso verdient haben im Fokus der Öffentlichkeit zu stehen. Ich kann natürlich verstehen, dass so eine Kuriosität gerne von der Presse genutzt wird. Vielleicht hat das ganze ja auch etwas Gutes und der eine oder andere Zuschauer ist zur Strecke gekommen, um den „verrückten“ Rückwärtsläufer zu sehen. Die Artikel in der „Glocke„, in der Sonntagszeitung „Hallo“, in der „WN“ und in der Marathonzeitung reichten auf jeden Fall aus. Den Reaktionen der Zuschauer zu urteilen, wusste Münster über mich Bescheid.

So stand ich mal wieder um 9 Uhr am Start des Münster-Marathons, genau wie vor 10 Jahren, als ich in Münster meinen ersten Marathon lief. 2016 war mein Jubiläums Marathon. Es sollte mein 30. Marathon-/Ultralauf werden (s. Übersicht).

Zusammen mit meinem Begleitläufer Peter Knein reihte ich mich zwischen der 3.45 h- und der 4.00 h-Gruppe im Startblock ein. Bereits auf den ersten Metern hörte ich wieder den Satz „Ah, da ist der Rückwärtsläufer“, der mich den ganzen Marathon begleitete.

 

 

Auf den ersten 10 km durch die Stadt, merkte ich, dass es im Vergleich zu 2014 schwieriger werden würde. Ich hatte viel mehr Läufer um mich, weil ich dieses Jahr weiter hinten startete und entsprechend ins Hauptfeld geriet. So musste ich nicht nur die zahlreichen Stolperfallen, Laternenmasten, Pfosten, Verkehrsinseln, Kopfsteinpflasterpassagen, parkenden Autos und vieles mehr umlaufen, sondern auch auf meine Mitläufer aufpassen. Zu Beginn streifte ich den einen anderen anderen Schuh, aber zum Glück kam niemand zu Fall, was ich auch der Rücksicht vieler Mitläufer zu verdanken hatte. Dafür möchte ich mich auch noch einmal auf diesem Weg bedanken.

Schon zu Beginn zeigte sich, dass ich mich wieder zu 100 Prozent auf meinen Begleitläufer Peter verlassen konnte, der mich souverän und sicher durch alle Schikanen mit Handzeichen und Anweisungen dirigierte. Man kann sich jetzt  natürlich fragen, warum ich mich überhaupt dem erhöhten Risiko beim Rückwärtslaufen aussetze. Die Antwort ist ganz einfach: Die Eindrücke, die man rückwärts wahrnimmt, sind noch einmal um einiges intensiver als beim Vorwärtslaufen: Ich blicke in zahlreiche Läuferaugen – am Anfang in viele enthusiastische Blicke, am Ende aber auch in viele geschaffte Blicke. Blicke von Läufern, die das Ziel herbeisehnen. Ich sehe, wie sich viele Zuschauer noch lange verdutzt nach mir umsehen und Hunde, die die Welt nicht mehr verstehen. Neben diesen besonderen Blick ist es aber auch das  unbeschreibliche Laufgefühl, das ich beim Rückwärtslaufen verspüre. Mein Laufrhythmus fühlt sich mittlerweile rückwärts um einiges flüssiger und runder an, als beim Vorwärtslaufen.  Durch das verstärkte Vorfußlaufen fühlt es sich so an, als wenn ich über den Asphalt schwinge und mich wie auf Federn fortbewege. Natürlich muss ich zugeben, dass sich dieses Gefühl mit der Länge des Marathons  abschwächt.

 

 

Zurück zum Münster Marathon: Auf dem ersten Teilstück durch die Stadt, sagte mir ein Läufer, dass ich doch auch einmal in die Fotokameras lächeln solle. Ich antworte ihm, dass ich das zwar versuche, aber mir es nicht wirklich gelingt, weil ich mich so dermaßen konzentrieren muss. Wenn ich Bekannte an der Straße grüßen wollte und zeitgleich das nächste Hindernis kam,  half Peter mir in der Spur zu bleiben und signalisierte mir, dass ich mich wieder aufs Laufen konzentrieren solle. So konnte ich leider auf den ersten Kilometern den Marathon gar nicht so richtig genießen. Als wir dann den Aasee hinter uns ließen, kamen breitere Straßen und das Feld der Läufer hatte sich ein wenig auseinandergezogen. Ich konnte endlich lange Stücke geradeaus laufen. Durch die Anweisungen von Peter brauchte ich mich nicht mehr umdrehen. Hier und da kam es zu kurzen und netten Pläuschen mit meinen Mitläufern. Einer merkte an, dass es ja sehr praktisch sei, dass ich rückwärts laufe, weil ich mich so super unterhalten könne. Einer andere sagte, dass er nachdem er den Artikel über mich gelesen hatte, eigentlich ein Skat-Spiel mit zum Marathon nehmen wollte, um mit mir eine Runde zu spielen.

Den Halbmarathon passierte ich schließlich nach 1:59:25 h. Damit war ich voll und ganz im Zeitplan. Als es auf den nächsten Marathonviertel immer noch gut lief, fragte mich Peter schließlich nach 30 km, ob ich jetzt sicher auf eine Zeit unter 4h laufe wolle oder ob ich noch ein wenig zulegen will. Ich sagte ihm, dass er mich das Ganze noch einmal in 2 km fragen solle. Mir ging es zwar noch richtig gut, aber irgendwie traute ich dem Ganzen noch nicht. Ich rechnete fest damit, dass ich auf den nächsten Kilometern noch einbrechen müsste, schließlich fehlten mir die langen Rückwärtsläufe in der Vorbereitung. Zum Glück passierte das nicht und ich konnte auf den letzten Kilometern noch zulegen. Dank Peters optimaler Verpflegung während des Wettkampfs  ging mit die Energie nicht aus. Durch die permanente Kühlung des Kopfes mit Wasser an den Verpflegungsstellen, machte mir das warme Wetter nicht zu schaffen. Kilometer um Kilometer näherte ich mich dem Ziel und konnte meine Pace Schritt für Schritt verbessern. Lediglich die Straßen in den Baugebieten mit vielen Verkehrsberuhigungen  hielten mich noch ein wenig auf, weil ich mich in Schlangenlinien durch die Läufer bewegen musste. Die Beine wurden zum Ende zwar schwerer, aber ich behielt meinen Laufrhythmus bei und näherte mich beflügelt durch die Anfeuerungen der Zuschauer dem Ziel. Spätestens ab der Himmelreichallee war der Adrenalinpegel auf Anschlag und ich genoss die letzten Metern in vollen Züge. Peter fragte mich an der Aaseekreuzung (1 km vorm Ziel) ob ich noch Reserven habe und ich antwortete ihm, in dem ich zu einem kleinen Zwischensprint ansetzte. Nach diesem Zuschauermagnet, forderte er mich wiederum auf es ein bisschen ruhiger angehen zu lassen, um die letzten Metern auf dem Prinzipalmarkt zu genießen. Ich erblickte noch Freunde aus Emsdetten, die sich das Maratonspektakel nicht entgehen lassen wollten. Sie feuerten mich noch einmal kräftig an. Auf den letzten 200 Metern empfing mich der Moderator Michael Brinckmann und die Zuschauer gaben noch einmal alles. Passend zum 15. jährigen Münster Marathon Jubiläum hatten die Organisatoren auf den ohnehin schon festlich geschmückten Prinzipalmarkt  den roten Teppich ausgerollt. Welch ein Empfang.

 

 

Am Ende stoppte die Uhr schließlich bei einer Zeit von 3:51:07. Damit lief ich den zweiten Halbmarathon in 1:52:34.  Zuvor hatte ich es noch nie geschafft eine schnellere zweite Hälfte zu laufen. Da sich der Muskelkater am nächsten Tag in Grenzen hielt, ist sicherlich noch Luft nach oben. Bis zum Weltrekord von Achim Aretz (3:42:41 h) sind es jetzt nur 8 1/2 Minuten. Wer weiß, vielleicht fällt er ja 2017 in Münster 😉

Zum Abschluss des Berichts findet ihr wie immer noch einen Link zu meiner Strava-Aktivität. Ich möchte mich noch einmal rechtherzlich bei Peter für die optimale Begleitung bedanken. Ich wünsche dir alles gut für dein nächstes großes Abenteuer am 23.09, dem Goldsteig Ultrarace Trailllauf, der längste Nonstop-Lauf in Europa mit 661 km und 29.000 HM mit einem Zeitlimit von 8 Tagen. Bedanken möchte ich mich natürlich auch bei den zahlreichen ehrenamtlichen Helfern des Münster Marathons. Danke, dass ihr uns dieses Laufspektakel in Münster ermöglicht.

Zum Münster Marathon gab es wieder eine Reportage auf sport1. Diese könnt ihr euch hier ansehen: