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Vor dem Marathon

Hätte mir vor einem halben Jahr jemand erzählt, dass ich beim Münster Marathon rückwärts laufe, dann hätte ich ihn wahrscheinlich für verrückt erklärt. Hätte derselbe mir auch noch gesagt, ich würde dies als Weltmeister tun, dann hätte ich ihn wohl ausgelacht. Manchmal kommt es jedoch anders, als man denkt:

Michael Brinkmann, der Veranstalter des Münster Marathons, hat seit Jahren versucht Achim Aretz (www.achim-aretz.de) für den Münster Marathon zu gewinnen. Zu Beginn seiner Zeit als Rückwärtsläufer lebte Achim noch in Münster bevor er zum Promovieren nach Darmstadt ging. Bisher ist es jedoch nie zu einem Start gekommen. Im Vorfeld der WM habe ich fast täglich mit Achim über meine Rückwärtsläufe geschrieben. Irgendwann kam dann auch das Thema Münster Marathon auf den Tisch. Achim hatte die Idee, dass wir beide laufen könnten. Eine definitive Zusage wollte ich vor der WM jedoch nicht machen. Ich hatte überhaupt keine Vorstellungen, wie erfolgreich ich bei der WM laufen würden und ob ich danach überhaupt weiter rückwärts laufe.

Beflügelt durch den WM-Titel im Halbmarathon war mir nach der WM direkt klar, dass ich in Münster laufen werde. Wir einigten uns mit den Veranstalter darauf, dass wir jeder einen Halbmarathon laufen würden. Ich muss zugeben, dass ich von Anfang an im Hinterkopf hatte, den Marathon ganz zu laufen. Nachdem ich es im Urlaub jedoch ein wenig mit dem Sport übertrieben hatte und mir keine Pause gönnen wollte (wie auch mit den Alpen vor der Tür), quälte ich mich 3 Wochen mit einer Sehnenscheidenentzündung am Sprunggelenk herum.

Schließlich wurden Achim und ich auf die Pressekonferenz vom Münster Marathon eingeladen. Da Achim nicht extra aus Darmstadt anreisen konnte, ging ich alleine zur Pressekonferenz. Ich recherchierte im Internet vorher noch ein paar Informationen zum Rückwärtslaufen. Ich wusste ja gar nicht was ich sagen sollte, schließlich wollte ich doch vorher einfach nur laufen – nur eben rückwärts. Über Vor- oder Nachteile des Rückwärtslaufen habe ich vorher nie nachgedacht. Dank der lockeren Moderation durch Michael Brinkmann, war die PK jedoch ein voller Erfolg. Dort zeigte sich bereits, dass wir wohl eine Attraktion beim Marathon werden würden. Direkt im Anschluss hat mich ein Reporter von WDR2 angesprochen und ein Spontaninterview mit mir geführt, dass direkt am nächsten Tag gesendet wurde. Das beflügelt einen natürlich. Nachdem ich mir wegen der Verletzung eine absolute dreiwöchige Sportpause aufgedonnert hatte, hatte ich jedoch schon fast den Gedanken den Marathon komplett zu laufen, abgeschmiert.

In der Woche vor dem Marathon ging es dann erst so richtig los. In allen Lokalzeiten standen Berichte (s.u.) über uns. Wir bekamen eine Anfrage vom WDR und von einer Münsteraner Produktionsfirma, die eine kleine Doku über den MüMa für sport1 machen wollte. Natürlich sagten wir allen zu, denn das Ganze ist natürlich eine gute Werbung für den Rückwärtslaufsport. Gleichzeitig hat es jedoch den Druck enorm erhöht. Bisher bin ich immer einfach nur mitgelaufen, war einer von ca. 3000 Läufern beim MüMa oder einer von 40.000 Läufern in Berlin (naja, damals bin ich durch das Kostüm schon ein wenig aufgefallen ;-)). Dieses Mal waren jedoch einige Augen mehr auf mich gerichtet. Wenn ich irgendwann ausgestiegen wäre (vielleicht schon vor dem Hm, hätte das ganze Ding scheitern können: Achim hätte nicht laufen können und alle hätten sich über die Rückwärtsläufer lustig gemacht, naja, es kam Gott sei Dank anders.

Am Marathonwochenende wurden wir dann schließlich noch auf die letzte Pressekonferenz eingeladen. Plötzlich saß ich zwischen ca. 15 Kenianern und Äthiopiern und wurde als Weltmeister vorgestellt. Ich muss mich erst noch dran gewöhnen. Wir waren die einzigen weißen „Topathleten“ 😉 und Michael Brinkmann führte ein kleines Interview mit uns und die Presse hatte auch noch ein paar Fragen. Schade war es jedoch sicherlich, dass die lokale Laufspitze aus Münster nicht eingeladen waren. Ich stellte mir die Frage, ob sie es nicht viel mehr verdient hätten, in diesem Rahmen präsentiert zu werden. Nur weil ich mich im Mai umgedreht habe und angefangen habe rückwärts zu laufen, bin ich mehr in den Fokus gerückt. Ein komisches Unterfangen.
Am Ende der PK hat mich schließlich noch Lutz Hethey von HelpAge Deutschland angesprochen, ob ich nicht für das Projekt „Jede Oma zählt“ laufen möchte. Schnell entschied ich mich dieser Bitte nachzukommen, denn so konnte ich dem ganzen Presserummel doch noch etwas gutes abgewinnen und etwas für den guten Zweck tun. Da noch weitere zahlreiche „Oma“-Läufer mitliefen, bekam ich von diesen natürlich noch extra Anfeuerungsrufe.

Marathontag

06.20 Uhr der Wecker klingelt, kurz gucken, ob noch alles dran ist: ja. Mit Erstaunen musste ich feststellen, dass ich sehr gut geschlafen hatte und sich die Beine super anfühlten. Ich wusste, heute wird ein guter Tag zum Rückwärtslaufen. Wie immer trödelte ich herum, so dass ich die erste schnelle Aufwärmrunde auf dem Rad in die Stadt hinter mir bringen musste. Und nein, ich fahre nicht rückwärts Fahrrad (noch nicht, so ein Rückwärtstriatlohn wäre doch was neues ;-)).

Am Schloss stand dann wie verabredet um 07.30 Uhr mein Begleitläufer Peter Knein und ein dreiköpfiges Team vom WDR bereit. Die Zeit bis zum Start verging wie im Flug. Das Team war super nett und so waren die ersten Aufnahmen schnell im Kasten. Der Schlossplatz füllte sich so langsam und ich wusste, es konnte bald endlich losgehen. Vor dem Start habe ich dann schnell noch wie abgesprochen das Interview für Sport1 gegeben und erledigte die üblichen Startvorbereitungen ;-).

Dann ging es endlich los. Der Startschuss zum Marathon fiel und trotz der Enge auf der Strecke durch die vielen Läufer, konnte ich bestens Laufen. Einen großen Anteil hatte mein Begleitläufer Peter, der mich super durch das Feld führte und aufgrund seiner großen Erfahrung (98 Marathons, 8 davon in Münster) eine perfekte Ideallinie fand. Bereits auf den ersten Metern beflügelten mich die Zurufe der Zuschauer („Ah, da ist ja der Rückwärtsläufer“). Die Mitläufer reagierten zum größten Teil positiv und fühlten sich nicht von mir verarscht. Einige nahmen es sicherlich auch als Motivation schneller zu laufen.

Die ersten 10 km waren schwierig zu laufen. Es gab viele Kurven, Wechsel der Straßenbeläge, Laternenpfosten, Mülltonnen, etc. Wir änderten schnell unsere Kommunikationstaktik. Peter gab mir die Kommandos fortan nicht mehr verbal. Sein „Links“ war nämlich mein „Rechts“ und das bedeutete, dass ich die Kommandos noch umdenken musste, was mit zunehmender Ermüdung immer schwieriger wird. Peter gab mir schließlich die Kommandos mit der Hand und er navigierte mich perfekt durch Münster. Von außen muss es sicherlich komisch ausgesehen haben, aber es hat super funktioniert. Schließlich brauchte ich mich fast gar nicht mehr umdrehen, denn ich konnte mich zu 100 Prozent auf die Kommandos verlassen.Ein einziges Mal ist es jedoch in einer Kurve passiert. Zum ersten Mal nach ca. 300 rückwärts gelaufenen Kilometern bin ich gestützt. Es lag wohl daran, dass ich mich in der Kurve zu sehr von den Zuschauern feiern lassen wollte und deswegen zu unkonzentriert war. Aber egal, ich bin direkt wieder aufgestanden und konnte ohne Probleme weiterlaufen.

Ein erster Höhepunkt war dann der Teil der Strecke, wo wir an der Zielbühne entlang liefen. Der Moderator Michael Brinkmann moderierte mich an und stelle mich als Weltmeister vor, der eventuell den ganzen Marathon rückwärts laufen möchte. Jetzt wusste ich, es gibt kein Zurück mehr: du musst den vollen Marathon laufen. Da es mir auch noch gut ging, war ich noch frohen Mutes.

Als wir dann nach ca. 10 km an der Aaseekreuzung ankamen, filmte uns zum ersten Mal das WDR-Team während des Laufes. Wir übergaben dem Team die GoPro Kamera, mit der ich beim Start aus meiner Perspektive Videos machte. An der Kreuzung, wo der erste Staffelwechselpunkt stattfand, war die Stimmung wieder grandios. Vereinskameraden feuerten mich aus den Wechselkäfigen an und die Sängerin auf der Bühne gab alles und ich konnte ihr noch lange hinterher gucken (Ein Vorteil eben als Rückwärtsläufer ;-)). Ab jetzt wusste ich jedoch, dass der restliche Teil der Strecke eher langweiliger wird.

Die 10km Matte passierten wir übrigens nach 51:25 (=Durchschnittspace: 5:08 km/Minute).

Am Ende der Annette-Alle wartete dann ca. bei km 13 das WDR-Team ein weiteres Mal auf uns. Der Kameramann lief ein Stück mit uns, aber hielt es nicht allzu lange durch 😉 Ab jetzt ging es dann auf und neben der Strecke ein wenig ruhiger zu. Einige Kommentare der Mitläuferinnen und Mitläufer machte den Lauf aber auch auf diesen Abschnitten zu einem wunderbaren Erlebnis. Als sich von hinten eine schnelle und nicht unattraktive Staffelläuferin nährte, bemerkte ein Läufer, dass er jetzt wisse, warum ich rückwärts laufe.

Kurz vor der Halbmarathonmatte musste noch einmal eine Autobahnbrücke überquert werden. Ein Vorteil beim Rückwärtslaufen ist, dass man das Ende einer Steigung nicht sieht 😉 Man läuft einfach hoch und irgendwann ist man oben angekommen ;-). Rückwärts eine Steigung hoch, ist nicht unbedingt schwieriger als vorwärts. Rückwärts runter allerdings schon: man muss aufpassen, dass man nicht zu schnell läuft und hinten runterfällt.

Dann erreichten wir schon nach 1:49:49 (=Durchschnittspace 10 km – HM: 5:18 km/Min.). Damit habe ich im Vorbeilaufen eine neue persönliche Rückwärtsbestzeit über die Halbmarathondistanz aufgestellt. Nach der Matte übergab ich den zweiten Chip an Achim, der es sich nicht nehmen ließ und ein gutes Tempo zu Beginn anging, sodass ich ihn nicht mehr sehen konnte. Da es mir noch sehr gut ging, bin ich natürlich noch weiter gelaufen. Die Zurufe der Zuschauer änderten sich nun von „Ah, da ist ja der Rückwärtsläufer“ zu „Ah, das ist ja noch ein Rückwärtsläufer“.

Bei Km 27,5 hätte ich dann noch gut aussteigen können. Beim stimmungsvollen Verpflegungsstand vom HSP Münster hatte ich Wechselklamotten und Inliner abgestellt, aber ans Aufgaben dachte ich nicht. Da mir jedoch langsam kalt wurde, holte Peter mir ein Unterhemd aus meiner Tasche. Für mich bedeutete das jedoch, dass ich für ein kurzes Stück alleine laufen musste. Wieder einmal merkte ich auf diesem Stück, wie wichtig ein guter Begleitläufer ist. Ich musste mich häufiger umdrehen und gerade in diesem Moment überholte mich dann auch noch die 3:45er Gruppe. Als Peter dann aber wieder zu mir kam, war die nächste Aufgabe zu bewältigen: T-Shirt Wechseln beim Rückwärtslaufen Es sah zwar blöd aus, aber es klappte super und ohne einen Sturz 😉

Da ich jetzt aber nicht ausgestiegen war, wusste ich, dass ich durchlaufen musste. So langsam verringerte sich allerdings das Tempo und das Laufen fiel mir immer schwieriger. Die 30 km Matte überliefen wir nach 2:42:11 (Durchschnittspace: Hm-30 km: 5:49 Min. pro km.). Bekanntlich fängt jetzt der eigentliche Marathon jedoch erst an. Das gilt auch rückwärts. Damit ich durchhielt, forderte ich Peter auf mich zu unterhalten. Als er von seinen Ultraveranstaltungen erzählte, fiel es mir von Schritt zu Schritt einfacher zu laufen. Gleichzeitig überlegte ich natürlich schon, was das nächste Ziel sein könnte. Ideen hatte ich jetzt genug.

Fotos: Hubertus Festring

Und dann kam er endlich: der Moment, warum ich mir die Schmerzen überhaupt angetan hatte. Ich erreichte den Prinzipalmarkt und die Zuschauer machten einen höllischen Lärm. Ich genießte jeden einzelnen Meter auf dem Kopftsteinpflaster und riss die Arme in die Hohe. Als Michael Brinkmann mich entdeckte und mich ansagte wurde der Lärm der Zuschauer noch einmal größer. Jetzt musste ich jedoch ein Nachteil als Rückwärtsläufer feststellen: Ich konnte nicht sehen, wann das Ziel erreicht war. Das war mir jedoch auch egal. Ich genoss den Lauf durch den prallgefüllten Prinzipalmarkt und lief fast wie in einem Tunnel. So bemerkte ich zum Beispiel gar nicht, dass der WDR-Kameramann mich wieder beim Laufen filmte. Das Ziel erreichte ich nach 4:10:58 (Durchschnittspace: 30 km – Ziel: 7:30 Min. pro Km)

Im Ziel angekommen, musste Peter mich erstmal stützten. Der Kreislauf sackt völlig zusammen, wenn man sich wieder vorwärts umdreht. Nachdem die Interviews für WDR und Sport1 im Kasten waren, konnte ich dann endlich wieder in die Masse von ganzen normalen Läuferinnen und Läufern eintauchen. Jetzt war ich wieder einer von vielen und wurde nicht mehr von allen als „der Rückwärtsläufer“ betitelt.

 

Fotos: HelpAge

Insgesamt war der Münster Marathon ein absolutes Highlight. Vor einem halben Jahr hätte ich nicht gedacht, dass ich jemals einen ganzen Marathon rückwärts laufen werde. Jetzt habe ich es tatsächlich geschafft und bin super froh.
Peter hat mir noch einen schönen Spruch während des Laufens mitgegeben: „Wenn du keine Angst vor deinen Zielen hast, dann hast du sie zu niedrig gesteckt.“. Ich werde mich bei der Wahl des nächsten Ziels dran halten 😉
Abschließend noch mein liebster Marathon-Spruch: „Der Schmerz geht, der Stolz bleibt.“ Leider muss ich ihn jedoch für mich umändern. Bei mir vergeht der Stolz schneller und ich frage mich schon wenige Stunden nach dem Marathon: „Was kommt jetzt.“. Der Schmerz in Form eines langen Muskelkaters hat diesmal aber bis zum Ende der Woche angehalten.

Wenn ihr die Strecke mal nachlaufen wollte, findet ihr sie hier ;-):

 

Presse

Vorberichte Zeitung

  • „Rückwärts beim Münster-Marathon“ (runnersworld.de, 27.08.14) [Link]
  • „Rückwärtsläufer am Start“ (Homepage und FB-Auftritt zum Volksbank Münster Marathon, 03.09.14) [Link]
  • „Weltmeister und Weltrekordler im Rückwärtslaufen am Start“ (WN, 04.09.2014) [Link]
  • „Zwei Weltmeister im Rückwärtslaufen“ (WirIn, 07.09.14) [PDF]
  • „Athleten rückwärts unterwegs“ (MZ, 07.09.14) [PDF]

Vorberichte Radio

  • Interview mit Achim Aretz (Antenne Münster, 09.09.14)
  • Interview mit mir (WDR2, 13.09.14) [Link mit Radiobeitrag]

Berichte Zeitung

  • „Markus Jürgens läuft die 42,195 km rückwärts“ (EV, 17.09.14) [PDF]
  • „Emsdettener ist Weltmeister im Rückwärtslaufen – Rückwärts laufen – vorwärts denken“ (WN, 24.10.14) [Link]

Berichte Radio und TV

  • Radiobericht mit O-Tönen vom Marathon (WDR2, 14.09.14)
  • Tv-Beitrag in Lokalzeit Münsterland (WDR, 15.09.14) [Link]
  • Sport1 Reportage über den Münster Marathon (Sport1, 20.09.14) [Link]

 

Wenn Sie noch mehr Presseberichte über unseren Lauf gelesen haben, würde ich mich freuen, wenn Sie mir diese zuschicken könnten. Falls Sie Fotos von uns gemacht haben, würde ich diese gerne in diesen Beitrag einbauen. Bitte kontaktieren Sie mich.