Mein erstes Jahreshighlight 2017 ist gesetzt: Ich möchte den Marathon Weltrekord am 09.04.17 beim Hannover Marathon brechen. Anders ausgedrückt bedeutet es, dass ich 42,195 km rückwärts in unter 3:42:41 laufen möchte. Das entspricht einer Pace von 5:16 min/km oder 11 km/h.  Bisher hält seit dem Frankfurt Marathon 2010 mein Rückwärtslaufmentor Achim Aretz den Weltrekord. Es ist an der Zeit den 7 Jahre alten Rekord anzugreifen.

Heute verkündete ich auf der Pressekonferenz zum Marathon mein Vorhaben. Die Ankündigung motiviert mich noch einmal die letzten 30 Tage bis zum Marathon alles im Training zu geben: Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Ein Rückwärtsläufer im Marathonfeld ist (leider) noch nicht zur Regel geworden. Ich versuche deswegen im Folgenden Antworten auf Fragen zu geben, die mir häufig gestellt werden:

 

Warum läufst du rückwärts?

Zum Rückwärtslaufen bin ich über Achim Aretz gekommen, den ich auf einer Skilanglaufexkursion der Uni Münster kennengelernt habe. Er hat mir viel von seinen Rückwärtsläufen erzählt und als ich wieder zu Hause war, habe ich es direkt ausprobiert. Zunächst habe ich nur kurze Abschnitte im Training rückwärts gelaufen. Die Abschnitte habe ich dann langsam gesteigert bis ich ohne Probleme mehrerer Kilometer am Stück rückwärts laufen konnte. Ich musste das Laufen quasi noch einmal neu erlernen und konnte schnell Erfolge feiern. Nach meinen ersten 10 km rückwärts am Stück gelaufenen Kilometern war ich genauso Stolz wie vor ca. 12 Jahren nach meinen ersten 10 vorwärts gelaufenen Kilometern. Die Muskulatur hat sich bei mir schnell angepasst und die neue Fortbewegungsart fühlte sich von Anfang an sehr gut an. Nach nur 4 Monaten Rückwärtslauf-Training konnte ich dann bei meiner ersten WM Teilnahme im August in Italien direkt den Halbmarathon gewinnen. Dabei holte ich mir den Sieg in einem packenden Schlussspurt gegen den zweitplatzierten Italiener. Spätestens dann war ich im Rückwärtslauffieber gefangen. Im September 2014 bin ich dann spontan meinen ersten Marathon in Münster komplett rückwärts gelaufen. 2016 folgte der Zweite.

Wie orientierst du dich beim Rückwärtslaufen?

Im Training laufe ich fast nur Strecke, die ich schon unzählige Male gelaufen bin. Hier kenne ich jede Bordsteinkante und jedes Schlagloch. Ich wähle die Strecke gerne so, dass ich viele geradeaus Passagen habe und mich an der Bordsteinkante oder an der Straßenpflasterung orientieren kann, so dass ich mich nicht so oft umdrehen muss. So kann es dann auch schon einmal sein, dass ich 200 m laufe ohne mich umzudrehen. Hierbei verlasse ich mich auch auf andere Sinnesorgane. Spiegel online schrieb mal nach einem Interview, dass ich „mit den Ohren sehe“. Das trifft es wohl am besten. Mittlerweile kommt es mir manchmal so vor, als wenn ein Film der Strecke in meinen Kopf abläuft und ich damit weiß, was vor mir kommt. Ansonsten falle ich natürlich auch auf und die Leute passen noch einmal gesondert auf mich auf. Bisher ist mir noch nie etwas passiert.

Beim Marathon in Hannover werde ich jedoch von einer Begleitläuferin, die mich auf Gefahren hinweist, durch Hannover geführt. Dabei kommunizieren wir größtenteils über Handzeichen. Akustisch funktioniert es nicht so gut, weil ihr „rechts“ mein „links“ wäre. Für die Begleitläuferin wird es ebenfalls ein anstrengender Marathon, denn sie muss die ganze Zeit hellwach sein und für mich mitdenken.

Was fasziniert dich am Rückwärtslaufen?

Die Faszination am Rückwärtslaufen ist für mich, dass ich die Bewegung mittlerweile so verinnerlicht habe, dass mir diese Fortbewegungsart nicht mehr ungewöhnlich vorkommt. Ich stelle mir gar nicht mehr die Frage, ob oder warum ich rückwärtslaufe, sondern höchstens wie viele Kilometer es denn heute werden sollen. Beim Rückwärtslaufen muss ich mich permanent auf die Laufbewegung und auf die Strecke konzentrieren, so dass ich prima abschalten kann. Das hat insgesamt einen sehr ruhigen und meditativen Charakter.

Was sind die Vorteile am Rückwärtslaufen?

Der Vorteil am Rückwärtslaufen ist, dass man andere Muskeln im Vergleich zum Vorwärtslaufen kräftigt (größtenteils die Gegenspieler-Muskeln) und so für eine ausgeglichene Balance sorgt. Da ich beim Rückwärtslaufen nur auf dem Vorfuß laufe stärke ich außerdem die Fuß- und Wadenmuskulatur, was sich bei mir auch langfristig aufs Vorwärtslaufen ausgewirkt hat.

Beim Hannover Marathon habe ich den Vorteil, dass ich der einzige Rückwärtsläufer unter vielen Vorwärtsläufern sein werde. Es motiviert mich ungemein beim Marathon in die Gesichter der Mitläuferinnen und -läufer zu schauen. Einen Marathon aus dieser Perspektive wahrzunehmen ist etwas ganz besonders. Auf den ersten Kilometer sieht man in den Gesichtern ein breites Grinsen, dass spätestens nach dem 35 km einem qualvollen Gesichtsausdruck weicht -)

 

Ich hoffe, dass ich mit diesen kleinen Einblick die Lust aufs Rückwärtslaufen geweckt habe. Ich würde mich freuen, wenn ihr mich (falls ihr nicht selber läuft) an der Strecke anfeuert.
Falls ihr mehr über meinen Training wissen möchtet, schaut doch mal bei meiner Strava-Seite www.strava.com/athletes/10730317 und auf meiner Facebook-Seite www.facebook.com/rueckwaertslaeufer vorbei.