Vor gut einem Jahr hatte Rolf Nolte mich über Facebook angeschrieben, ob ich an einem Spendenstaffellauf zum Nordkap teilnehmen würde. Ich überlegte nicht lange und sagte zu. Während ich die ersten Zeilen zu diesem Bericht schreibe, befinde ich mich auf der Rückfahrt: ein passender Moment, um ein kleines persönliches Fazit zu ziehen. Beginnen möchte ich mit ein paar Zahlen. Hinter mir liegen 14 ereignisreiche Tage. 2900 km haben wir als Staffel vom Timmendorfer Strand bis zum Nordkap zurückgelegt. 425 km in 28 Läufen habe ich dazu beitragen. Dafür habe ich insgesamt ca. 36 Stunden benötigt. Hinzu kommen noch ca. 250 km auf dem Rad als Begleitung für die anderen Läufer. Durch meine Laufpaten habe ich 600 Euro Spenden gesammelt. Dafür möchte ich mich vorab auch noch einmal auf diesem Weg bei allen Spendern rechtherzlich bedanken.

In meinem ersten Bericht habe ich bereits über die erste Woche des Spendenlaufs berichtet. Im Laufe der ersten Wochen machten sich bei mir durch das viele Asphaltlaufen und die großen Laufumfänge Knieprobleme bemerkbar. Ich zweifelte, ob ich den Spendenlauf überhaupt komplett schmerzfrei durchziehen kann. Getreu der Devise „Wenn der Schmerz von alleine kommt, geht er auch wieder von alleine“ lief es in der zweiten Woche wieder besser und vor allen Dingen schmerzfrei. Als sich in der zweiten Woche langsam abzeichnete, dass wir die 2900 km im Team gemeinsam schaffen würde, wollte ich meine Umfänge noch einmal ein wenig erhöhen. Es passte mir gut in den Plan, dass wir am Montagabend wieder auf einem Campingplatz einkehrten. Ich nutze die 25 Meter Bahn im angrenzenden Freibad, um meine üblichen 2 km zu schwimmen und um zur Abwechslung andere Bewegungsabläufe zu trainieren. Am Folgetag konnte ein Teil des Teams ein wenig länger schlafen, weil sich drei Läufer bereit erklärt hatten die ersten 50 km des Tages gemeinsam zu absolvieren und dazu bereits um 6 Uhr losliefen. Das verschaffte mir den Vorteil, dass ich halbwegs ausgeruht in mein Laufvorhaben am späten Abend starten konnte. Ich hatte mir vorgenommen einen Trainingsmarathon zu laufen.

Diesen starte ich um 21 Uhr. Ich verzichtete auf das Begleitfahrrad, weil es sowieso nur eine Straße geradeaus ging und auf dieser nicht viel Verkehr war. Für die Verpflegung und zur Kontrolle, dass mir nichts passiert, begleiteten mich zwei Spendenläufer im Auto.  Sie warteten alle 10 km auf mich. Ansonsten war es für mich der bisher einsamste und eintönigste Marathon, den ich gelaufen bin. Bis auf 3 Kaninchen, 2 Autos und einige Vögel hatte ich die sich endlos lang hinziehende Straße 99 im Norden Schwedens für mich alleine. Wollte in der erste Woche der Kopf laufen, die Beine aber noch nicht so richtig, war es bei diesem Marathon andersherum. Die Beine waren frisch und wollten trotz der in der ersten Woche absolvierten 175 Kilometer laufen und laufen. Nur der Kopf wollte nicht so richtig. Schuld daran hatte sicherlich auch der Regen, der mich die ganze Zeit begleitete. Da die Beine, aber wie eine Maschine liefen, machte ich Kilometer um Kilometer. Auch das wellige Profil machte mir nichts aus. Mit der richtigen Musik im Ohr wuchs die Motivation. Im zweiten Marathondrittel bekam ich es dann allerdings mit Magenkrämpfen zu tun. Im Supermarkt hatte ich am Nachmittag nach Nüssen gesucht und war durch Zufall auf „high energery nuts“ gestoßen. Ich merkte zwar im Supermarkt noch, dass es sich um Vogelfutter handelte, aber ich dachte mir, was für Tiere gut ist, kann für den Menschen nicht so schlecht sein. Beim Laufen wurde ich eines besseren belehrt. Trotz Magenkämpfen schaffte ich dennoch die Marathondistanz. Mir blieb ja auch nichts anders übrig.  Am vereinbarten Treffpunkt angekommen, konnte ich nach 43 Kilometer glücklich und zufrieden um kurz vor Mitternacht ins Wohnmobil einsteigen. Für den Marathon mit ca. 600 Höhenmetern hatte ich 3:20 h gebraucht. Bei Marathons ist es üblich, dass die Läuferinnen und Läufer im Ziel reichhaltig verpflegt werden und sie sich vor einer warmen Dusche das alkoholfreie Weizen schmecken lassen können. Das blieb mir jedoch alles verwehrt. Nach einer kurzen Katzendusche um Mitternacht verkroch ich mich müde, aber glücklich in die Schlafkabine des Wohnwagens. Nach Essen war mir sowieso nicht zu Mute.

 

Einige fragen sich sicherlich, wie ich mich motivieren kann, so viele Kilometer zu laufen. Die Antwort ist ganz einfach: Ich stelle mir diese Frage nicht bzw. nur selten. Zum Beispiel kribbeln auf der Rückfahrt im Wohnmobil schon wieder die Beine und wollen bewegt werden.

Ich habe dieses Phänomen für mich den „umgedrehten Schweinehund“ getauft. Vielen fällt es schwer überhaupt laufen zu gehen und sie müssen sprichwörtlich den „inneren Schweinehund“ überwinden.  Bei mir ist es umgekehrt. Ich muss mich überwinden, mal nicht laufen zu gehen. Natürlich hat es zum Teil auch suchtähnlichen Charakter, aber es ist sicherlich einer der positiven Süchte, mit denen ich ganz gut leben kann. Laufen ist eben meine körpereigene Droge. Ich freue mich, dass mein Körper derartige Strapazen mit sich machen lässt und ich beim Laufen abschalten kann und auf neue Ideen komme. Ich weiß, dass das eine Momentaufnahme ist und die extremen Belastungen auch mal ins negative Auswirkungen haben können. So lange sich aber noch keine Anzeichen bei mir bemerkbar machen, werde ich weiter die langen Distanzen laufen.

Eine etwas längere Runde musste ich dann auch am nächsten Tag drehen. Die eigentlich für mich vorgesehene 23 km lange Etappe wurde wegen diverser Gründe verlängert. Ein Grund war, dass für das Wohnmobil kein passender Parkplatz gefunden wurde. So musste ich mich dann noch einige Kilometer weiter quälen. Die Kräfte ließen mit jedem Kilometer nach. Der Marathon vom Vortag steckte mir noch in den Knochen. Außerdem machte sich Hunger breit, da ich nach dem Marathon zu wenig gegessen hatte. Nach jeder Kurve und nach jedem Anstieg hoffte ich endlich das erlösende Wohnmobil zu sehen. Nach 29 km konnte ich es dann endlich in der Ferne sehen. Wieder eine Etappe geschafft. Bei der Etappe lief ich über die norwegische Grenze. Noch in den ersten Tagen des Spendenlaufs hätte ich nicht gedacht, dass wir es so weit schaffen. Jetzt wusste ich, dass wir auch das Ziel erreichen werden.

 

 

Auch in Norwegen hatte ich natürlich noch einige schöne Läufe. Damit der Bericht nicht zu lang wird, möchte ich zum Abschluss nur noch kurz von meinem letzten Lauf berichten. Ich konnte es mir natürlich nicht nehmen lassen und wollte am letzten Tag die komplette Etappe von 40 Kilometern bis zum Nordkap laufen. Die anderen Spendenläufer teilten sich die Strecke in 5 km Abschnitten ein, so dass ich noch einmal mit fast jedem Läufer aus dem Team zusammen laufen durfte. Nach 14 Tagen alleine laufen, war es auch mal wieder nett zu zweit zu laufen und dabei eine Bilanz zum Spendenlauf zu ziehen. Leider erwischten wir keinen guten Tag und es herrschte das typische Nordkap Wetter. Es war kalt und windig und desto mehr wir uns dem Nordkap nährten, desto nebeliger wurde es. Die Sichtweite betrug in etwa 5 Meter. Das hatte den Vorteil, dass wir nicht sehen konnten, wie lang die Anstiege noch waren, wovon wir einige zu bewältigen hatten (insgesamt 850 Hm). Der Nachteil war allerdings, dass wir auf die Fahrzeuge aufpassen mussten, die uns erst sehr spät sahen. Zum Nordkap führt nur eine kleine Straße hoch, die von zahlreichen Touristen im Bus, Wohnmobil oder Auto genutzt wird. Hin und wieder begegneten wir auch Radfahrern, die zum Nordkap radelten. Wer weiß, wie vielleicht packt mich ja noch einmal der Ehrgeiz und ich fahre die Strecke vom Timmendorfer Strand bis zum Nordkap mit dem Rad. Ziele sollten einem ja nie ausgehen 😉

14 Tage und 2 h nach unserem Start am Timmendorfer Strand kamen wir nach 2900 km am Nordkap an. Es war natürlich ein schöner Moment, auch wenn das Wetter nicht mitspielte und wir nicht das Meer sehen konnten. Wir umarmten uns und waren froh diese Leistung gemeinsam im Team vollbracht zu heben, auch wenn es in den letzten Tagen nicht einfach war auf so engem Raum zusammen zu leben.

Da Bilder mehr sagen als Worte, schließe ich den Bericht mit einer kleinen persönlichen „Best of Bildergalerie“.

Vorher könnt ihr noch bei Interesse einen Blick auf die Tabelle meiner Läufe beim Spendenlauf richten.

Weitere Informationen und Bericht zum Spendenlauf findet ihr unter www.spendenlauf-nordkap.de

 

NR
Link
km Zeit Pace Höhen-
meter
Land Datum Startzeit     – Bemerkung
1 Strava 1,3 00:07:34 05:31 27 DEU 24.06 11:04 Uhr gemeinsamer Auftakt
2 Strava 18,3 01:37:36 05:19 128 DEU 24.06 16:35 Uhr durch Kiel
3 Strava 16,5 01:45:10 05:23 144 DEU 25.06 00:25 Uhr durch Flensburg
4 Strava 14,4 01:13:32 05:05 135 DNK 25.06 12:49 Uhr
5 Strava 19,5 01:36:25 04:56 14 DNK 26.06 01:30 Uhr
6 Strava 14 01:15:48 05:24 102 SWE 26.06 12:49 Uhr 10 km rückwärts
    Übernachtung auf dem Campingplatz
7 Strava 15,2 01:25:40 05:37 26 SWE 27.06 15:19 Uhr 15 km rückwärts
8 Strava 17,8 01:19:43 04:27 136 SWE 28.06 00:24 Uhr Landstraße mit Trucks
9 Strava 11,5 00:57:31 04:59 40 SWE 28.06 11:18 Uhr
10 Strava 11,8 00:56:15 04:46 76 SWE 28.06 19:14 Uhr
11 Strava 11,9 01:01:42 05:10 57 SWE 29.06 08:24 Uhr
12 Strava 12,1 00:54:36 04:29 27 SWE 29.06 12:56 Uhr
    Übernachtung auf dem Campingplatz
13 Strava 11,1 00:54:39 04:55 107 SWE 30.06 18:51 Uhr GPX Datei mit falscher Zeit
14 Strava 22,7 01:52:11 04:56 203 SWE 01.07 00:38 Uhr
15 Strava 4,8 00:25:23 05:15 49 SWE 01.07 10:51 Uhr 4,8 km rückwärts
16 Strava 10,1 00:46:04 04:33 58 SWE 01.07 18:19 Uhr
    Übernachtung auf dem Campingplatz
17 Strava 13 01:02:05 04:45 68 SWE 02.07 14:37 Uhr
18 Strava 10 00:45:43 04:34 150 SWE 03.07 04:55 Uhr
19 Strava 6,9 00:36:22 05:13 79 SWE 03.07 13:30 Uhr 5 km rückwärts – Intervalle
20 Strava 9,3 00:41:33 04:26 60 SWE 03.07 21:11 Uhr
21 Strava 14,6 01:13:17 05:01 131 SWE 04.07 07:13 Uhr
    Übernachtung auf dem Campingplatz
22 Strava 43 03:23:23 04:43 614 SWE 05.07 20:35 Uhr Marathon
23 Strava 29,1 02:28:01 05:05 140 NOR 06.07 14:16 Uhr
24 Strava 16 01:12:16 04:31 91 NOR 07.07 05:04 Uhr
25 Strava 15 01:12:36 04:50 194 NOR 07.07 12:32 Uhr
26 Strava 15,3 01:09:45 04:32 172 NOR 07.07 17:56 Uhr
    Übernachtung auf dem Campingplatz
27 Strava 7,1 00:42:49 06:01 47 NOR 08.07 07:56 Uhr kurze Pause im Tunnel
28 Strava 33,1 03:28:53 06:18 801 NOR 08.07 08:50 Uhr Nordkap erreicht

 

 

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